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Kolumnen

Kairos oder Wie man die Gelegenheit beim Schopf packt

Wenn man es nicht besser wüsste, dächte man Kairos sei eine der kleineren griechischen Inseln. Weit gefehlt! Wir sprechen hier auch nicht vom Genitiv der Hauptstadt Ägyptens, sondern von der günstigen Gelegenheit, dem rechten Augenblick. Es handelt sich um einen religiös-philosophischen Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein könnte. In der griechischen Mythologie wurde der günstige Zeitpunkt als Gottheit namens Kairos personifiziert. Im Gegensatz dazu steht Chronos, der in ebendieser Mythologie die Personifizierung der Zeit verkörpert. Er wird teilweise mit dem Titanen Kronos identifiziert und versinnbildlicht den Ablauf der Zeit und auch die Lebenszeit.
Den Gott, der uns manchmal so arg in Beschlag nimmt, dass wir richtige und wichtige Gelegenheiten verpassen, nannten die Griechen Chronos. Er ist der Gott mit der Sanduhr, die das Vergehen der Zeit anzeigt. Wer nach Chronos lebt, wer also nach der Uhr, dem Chronometer, lebt, der hat nie Zeit, ist immer gestresst und ärgert sich oft darüber. Wer allerdings nach Kairos lebt, der hat Zeit und nimmt sich die Zeit, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, um dann auch im richtigen Moment zuzugreifen. In der Psychologie hat Kairos unter dem Begriff Kairophobie Eingang gefunden. Diese bezeichnet eine Situationsangst, die Angst, Entscheidungen zu fällen. Kairos wird oft als Gott des glücklichen Augenblicks bezeichnet. Er hat jedoch mit dem Glück, dem wir alle hinterherrennen, nichts zu tun. In einer Arbeitswelt der Effizienz, Leistungsoptimierung und Abrufbarkeit hat er kaum noch etwas zu suchen. Darum ist diese Welt auch so arg unglücklich und gestresst.
Ein absolut phantastischer Ratgeber zum Thema Glück und gleichzeitig eine Fabel, wie man bei der Gier nach demselben straucheln kann, ist die Erzählung «Hans im Glück». Ein geradezu meisterhafter Lehrgang. Die unbeirrbare Suche nach Glück hat einen Markt geschaffen, der nicht zu sättigen ist und an dem sich nicht wenige auf Kosten unzähliger Naivlinge eine goldene Nase verdienen. Glück ist ein schwierig zu erfassender und beschreibbarer Gemütszustand. Die meines Erachtens treffendste Definition dafür lautet: Sich auf etwas freuen, jemanden lieben und etwas zu tun haben. Der «World Happiness Report» belegt der Schweizer Bevölkerung eine sehr hohe Lebenszufriedenheit. Im aktuellen globalen Ranking steht die Schweiz auf dem 8. Platz! Offenbar sind es folgende fünf Aspekte, welche die Schweizerinnen und Schweizer zu einem glücklichen Leben verhelfen: 1.Familie und Freunde, 2. finanzielle Stabilität, 3. Freiheit und Sicherheit, 4. Genüsse jeder Art und 5. Gesundheit und Wohlbefinden. Erasmus von Rotterdam wiederum meinte: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.» und Sigmund Freud sagte einst: «Dass der Mensch glücklich werden soll, ist von der Schöpfung nicht vorgesehen.» Doch Glück ist für unsere moderne Gesellschaft essentiell geworden. Wie oft vermelden wir nach einer erfolgreichen Unternehmung Glück gehabt zu haben, anstatt zu akzeptieren, dass Anstrengung, Wille und ein gerüttelt Mass an Tenazität letztendlich zum Erfolg geführt haben. Wie oft schon haben Sie jemandem Glück gewünscht, nicht nur als Wunsch zum Geburtstag? Warum wünscht man überhaupt jemandem Glück? Meines Erachtens ist dies eine absolute Bevormundung, weil wir diesem Jemanden nicht zutrauen seine finanziellen Angelegenheiten im besten Sinne zu regeln, eine Partnerin respektive einen Partner auf Grund gegenseitiger Sympathie, Hobbys und Interessen kennenzulernen oder seine Karriere auf den Grundpfeilern seines Wissens, Könnens und seiner Kompetenzen aufzubauen. Aber immerhin beinhalten Glückwünsche etwas sehr Positives. Oft, leider allzu oft, wird jedoch jemandem das Glück vermiest. So sind zum Beispiel Kennern von Verdis Opern diese schrecklich eifersüchtigen Väter vertraut, die sich ins Glück ihrer Kinder intervenierend einmischen und dieses so vollkommen zerstören. Es gibt sie vom Frühwerk «Nabucco» bis zum letzten Werk «Falstaff». Zu den bekanntesten dieser Glücksverhinderer in den Lebensentwürfen ihrer Töchter und ihrer Söhne gehören der Hofnarr Rigoletto wie auch König Philipp aus «Don Carlos». Aidas Vater Amonasro trübt das Glück seiner Tochter ebenso wie es Vater Ford im «Falstaff» tut, der seine Tochter Nanetta mit dem schrecklichen Pedanten Dr. Cajus verkuppeln will, statt ihr das Glück mit dem jungen Gentleman Fenton zu gönnen. Während sich in den Komödien alles schliesslich zum Wohle der Kinder entwickelt, wofür wirkungsvoll schon einsichtige Ehefrauen und deren vertraute Gehilfinnen sorgen, so überleben in Tragödien die uneinsichtigen Patriarchen meistens, allerdings angeschlagen und schwer gebrochenen Herzens, während deren Kinder in der Regel zu Tode kommen.
Glück wiederum muss gegenüber dem günstigen Augenblick und auch gegenüber dem Schicksal abgegrenzt werden. Tyche bei den alten Griechen und Fortuna in der römischen Mythologie waren die Glücks- und Schicksalsgöttinnen. Zumeist wird als Schicksal eine Art unpersönliche, höhere Macht begriffen, die ohne direktes menschliches Zutun das Leben einer Person entscheidend beeinflusst. Der Begriff Schicksal umfasst ein einzelnes Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen, die den Lebensablauf eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen darstellen oder beeinflussen. Schicksal hat zwei unterschiedlichen Konnotationen. Einerseits die Gesamtheit dessen, was dem Menschen unabhängig von seinem Willen (durch naturgegebene Umstände, durch den Ablauf der Ereignisse) widerfährt und sein Leben entscheidend beeinflusst. Andererseits handelt es sich nach abergläubischen Vorstellungen um eine jenseitige Macht, welcher der Mensch angeblich bedingungslos ausgeliefert ist und die alles bestimmt, was im Leben vor sich geht.
Die Suche nach dem Glück findet seit Jahrhunderten allenthalben und unentwegt statt, will sagen, dass man in früheren Zeiten meinte, zum glücklich sein etwas erwerben zu müssen. Eine Art materieller Goldrausch. Unterstützt wurden die Suchenden von Tausenden von Ratgebern, die einem vorgaukeln das Glück stehe vor der Tür, sei sozusagen fast mit den Händen zu fassen, wenn man nur genug bezahle und die prätentiösen Ratschläge befolge. Nicht wenige suchen ihr Glück im Spielen, vor allem in den Casinos. Da hocken sie dann vor einarmigen Banditen, die Wahrscheinlichkeit von Eins zu einer Milliarde abwartend, dass ihnen das Glück hold sei oder versuchen am Roulette-Tisch mit gierigen, raubtierartigen Grimassen ihr Schicksal positiv zu beeinflussen. Doch heutzutage sind Heerscharen der Meinung, dass man um glücklich zu werden unbedingt Störendes, Überdrüssiges oder puren Luxus loswerden sollte. Enthaltung und Entsagung sind angesagt. Etwas bewusst aus seinem Leben zu verbannen, ist in Mode. Ob es Alkohol, Fast Fashion oder Fleisch ist: Gewollter Verzicht gilt inzwischen vielen eher als Gewinn denn als Verlust, insbesondere wenn sie Konsumgüter aus nachhaltigen und umweltschonenden Gründen aus seinem Alltag streichen. Auch die digitale Welt steht im Fokus dieser Verzichtsbewegung. Im Internet findet man zahlreiche Anleitungen zum «Social Media Detox», also wie man sich für kurze Zeit von den sozialen Medien entwöhnen kann, und nicht wenige sehen ihr Glück im Verzicht auf das Smartphone, das sogenannte «Digital Detox», während andere ihr Glück darin zu finden hoffen, indem sie keine Informationen mehr konsultieren und konsumieren. Letzteres erachte ich jedoch als brandgefährlich. Die News-Verweigerer in der Schweiz haben letztes Jahr mit 39% eine Rekordmarke erreicht. Besonders gefährdet sind insbesondere die News-Deprivierten, die sich irgendwann ganz aus dem Nachrichtenstrom ausklinken. Sie drohen von Ereignissen überrollt zu werden, sie nehmen am gesellschaftlichen Leben keinen Anteil mehr. Wem wesentliche Informationen fehlen, der kann schwer gute Entscheidungen treffen. Lange galt, dass Wissen fast ausschliesslich positive Konsequenzen nach sich ziehe, Unwissen hingegen negative Auswirkungen. Aber ist jemand, der willentlich den Tsunami von vielfach trivialen, oft alarmistischen Nachrichten oder den Hurrikan von falschen Informationen von sich fernhält tatsächlich ein Ignorant? Man kann zwar verstehen, dass manche Leute irgendwann keine Lust mehr haben auf News-Lawinen, keine Lust auf diesen sich ständig erneuernden Schwall an Nachrichten mit Katastrophen, Kulturkampf, Krieg und Klimakrise sowie auf die Artikel und Kommentarspalten, in denen vor allem die Lauten, Polarisierenden zu Wort kommen. Doch anstatt der vollständigen News-Abstinenz zu frönen und sich publizistisch in ein Schneckenhaus zu verkriechen, sollte man lieber die Journalisten und Redaktionen ins Gebet nehmen, damit sie endlich mit ihrem verdammten Alarmismus aufhören und ihren Gewalt- und Katastrophenpredigten abschwören. Aber längst hat auch die Tourismusbranche Digital Detox als Geschäftsmodell entdeckt. Zahllose (Wellness-)Hotels, Berggasthäuser, Thermen und Firmen bieten solche Entgiftungswochenenden an, oder gar ganze Wochen. Die Forschung jedoch zum Thema Digital Detox zeigt bislang eher kleine oder gar keine Effekte dieser Seminaren respektive Abstinenztage. Leider sind wir soweit, dass auch das Gegenteil von News-Abstinenz einen verheerenden Effekt hat. Der deutsche Journalist und Verleger Rudolf Augstein merkte einmal an: „Die Zahl derer, die durch zu viele Informationen nicht mehr informiert sind, wächst.“ Auch dieser Umstand ist inzwischen nicht mehr zu leugnen.
Nun also ist Kairos wie erwähnt etwas völlig anderes, weder Glück noch Schicksal, sondern bezeichnet den richtige Augenblick, die günstige Gelegenheit, den glücklichen Moment.
Oh pardon, beinahe hätte ich es vergessen: Ich wollte Ihnen ja noch etwas über die Redewendung «Die Gelegenheit beim Schopf packen» erzählen. Der Gott Kairos – eben der Gott des günstigen Augenblickes, der guten Gelegenheit - wurde in der griechischen Kunst mit einem längeren Haarschopf vorn an der Stirn und mit einem kahlen Hinterkopf dargestellt. An seinen Füssen hat er Flügel und es sieht aus, als ob er auf Zehenspitzen schnell wie der Wind läuft. Der günstige Augenblick ist eben oft allzu schnell vorbei. Das erwähnte Sprichwort hat seinen Ursprung wohl in der erwähnten Frisur des kleinen Gottes, denn wenn die Gelegenheit vorbei ist und man sie nicht (beim Schopf) gepackt hat, dann greift man ins Leere, dem Gott Kairos sozusagen an den kahl geschorenen Hinterkopf.