Lästern oder Der Meister Proper der Psyche
13/01/26 09:36
Im Mittelalter wurde vor allem Frauen, die sich in unangemessener Weise über andere äusserten, ein Lästerstein angelegt, ein mehrere Kilogramm schwerer Stein, der mittels einer Kette den Sünderinnen um den Hals gelegt wurde. Dabei handelte es sich um eine Form der Ehrenstrafe durch die Niedere Gerichtsbarkeit.
Aber lästern tut halt gut.
«Der Hackbraten von Marlies war trocken, hat mir nicht besonders geschmeckt. Deiner ist hundert Mal besser,» sagte Daniel zu seiner Frau als sie nach der Einladung bei Müllers nach Hause fuhren. «Ja ich denke schon, dass ich die bessere Köchin bin.» Das so als nonchalante Bemerkung Dahingesagte, die als Smalltalk verkappte Kritik sowie die unaufgefordert geäusserte Selbstbeweihräucherung erfüllen sämtliche Kriterien des Lästerns: Jemanden in dessen Abwesenheit durch verächtliches Gerede beleidigen.
Jetzt wollen Psychologen auch dem Lästern eine positive Seite abgewinnen, indem sie betonen, dass es eine noble Funktion erfülle, den gesellschaftlichen Zusammenhalt forciere. Lästern habe ihrer Meinung nach zu Unrecht einen schlechten Ruf, denn Lästern verbinde. „Wenn wir zusammensitzen und uns über Dritte unterhalten, dann stellt das auch eine Beziehung zwischen uns und dem Zuhörer her. Beide kennen in der Regel die Person, über die sie reden, interessieren sich für sie und tauschen sich über sie aus“, sagt die Psychologin Myriam Bechtoldt, Professorin an der Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden, «das macht meistens nicht nur Spass, sondern schmiedet auch ein Band zwischen den Gesprächspartnern.» Die Dame sieht das meiner Meinung nach etwas allzu schönfärberisch. Irgendwie kommt man auch nicht umhin zu vermuten, dass Bechtold offenbar keinen Unterschied zwischen Lästern und Klatschen macht. 3Unterstützung für ihre positivistische Ansicht des Lästerns findet die Psychologin jedoch durch die moderne, im Oxford Handbook of Gossip and Reputation nachzulesende, Definition: „Lästern bedeutet im Grunde nur, dass Menschen Informationen über eine dritte, nicht anwesende Person austauschen und diese bewerten. Die Bewertung kann sowohl positiv als auch negativ ausfallen“. „Indem ich die Handlungen und Aussagen von Personen in meinem Leben mit anderen bespreche, prüfe ich auch, ob mein eigener Standpunkt valide ist“, erklärt Bechtoldt. Lästern ermögliche so, sich in der Gesellschaft zu verorten. Sie räumt jedoch ein, dass es sie durchaus gebe, die bösen Zungen, Menschen, die Missgeschicke, Fehltritte und Peinlichkeiten anderer weitererzählen, um deren Ruf zu schädigen, oder die mit Vorliebe abwertend über andere reden. Die Psychologin meint jedoch, dass die Menschen in den seltensten Fällen etwas Böses im Sinn hätten, wenn sie lästerten. Ich hege da so meine leisen Zweifel. Wer heimlich über Abwesende spricht, der kann doch eigentlich nichts Gutes im Schilde führen.
Aber lästern tut halt gut.
«Der Hackbraten von Marlies war trocken, hat mir nicht besonders geschmeckt. Deiner ist hundert Mal besser,» sagte Daniel zu seiner Frau als sie nach der Einladung bei Müllers nach Hause fuhren. «Ja ich denke schon, dass ich die bessere Köchin bin.» Das so als nonchalante Bemerkung Dahingesagte, die als Smalltalk verkappte Kritik sowie die unaufgefordert geäusserte Selbstbeweihräucherung erfüllen sämtliche Kriterien des Lästerns: Jemanden in dessen Abwesenheit durch verächtliches Gerede beleidigen.
Jetzt wollen Psychologen auch dem Lästern eine positive Seite abgewinnen, indem sie betonen, dass es eine noble Funktion erfülle, den gesellschaftlichen Zusammenhalt forciere. Lästern habe ihrer Meinung nach zu Unrecht einen schlechten Ruf, denn Lästern verbinde. „Wenn wir zusammensitzen und uns über Dritte unterhalten, dann stellt das auch eine Beziehung zwischen uns und dem Zuhörer her. Beide kennen in der Regel die Person, über die sie reden, interessieren sich für sie und tauschen sich über sie aus“, sagt die Psychologin Myriam Bechtoldt, Professorin an der Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden, «das macht meistens nicht nur Spass, sondern schmiedet auch ein Band zwischen den Gesprächspartnern.» Die Dame sieht das meiner Meinung nach etwas allzu schönfärberisch. Irgendwie kommt man auch nicht umhin zu vermuten, dass Bechtold offenbar keinen Unterschied zwischen Lästern und Klatschen macht. 3Unterstützung für ihre positivistische Ansicht des Lästerns findet die Psychologin jedoch durch die moderne, im Oxford Handbook of Gossip and Reputation nachzulesende, Definition: „Lästern bedeutet im Grunde nur, dass Menschen Informationen über eine dritte, nicht anwesende Person austauschen und diese bewerten. Die Bewertung kann sowohl positiv als auch negativ ausfallen“. „Indem ich die Handlungen und Aussagen von Personen in meinem Leben mit anderen bespreche, prüfe ich auch, ob mein eigener Standpunkt valide ist“, erklärt Bechtoldt. Lästern ermögliche so, sich in der Gesellschaft zu verorten. Sie räumt jedoch ein, dass es sie durchaus gebe, die bösen Zungen, Menschen, die Missgeschicke, Fehltritte und Peinlichkeiten anderer weitererzählen, um deren Ruf zu schädigen, oder die mit Vorliebe abwertend über andere reden. Die Psychologin meint jedoch, dass die Menschen in den seltensten Fällen etwas Böses im Sinn hätten, wenn sie lästerten. Ich hege da so meine leisen Zweifel. Wer heimlich über Abwesende spricht, der kann doch eigentlich nichts Gutes im Schilde führen.
Auch Megan Robbins und Alexander Karan von der University of California in Riverside zeigen in einer Studie, dass der schlechte Ruf des Tratschens überzogen ist. Als Gründe führen sie an, dass erstens nicht nur die intriganten Ehrgeizlinge klatschen und tratschen, sondern tatsächlich jeder. Und zweitens seien die Inhalte dieser Gespräche meist harmlos, manchmal gar wohlwollend, berichten die beiden Psychologen in Social Psychological and Personality Science. Gemäss ihren Untersuchungen wird deutlich seltener böse gelästert als vermutet und junge Erwachsene lästerten ein bisschen mehr und böser über Dritte als ältere Probanden. Frauen tratschten laut ihren Daten bloss ein klein wenig mehr als Männer. Allerdings sei dieser Unterschied marginal, betonen Robbins und Karan. Zudem war der Inhalt dieser Klatschrunden unter Frauen in der Regel neutral und verblüffend selten wertend. "Das passt zu bekannten Befunden, wonach Frauen schlicht häufiger miteinander über soziale Themenbereiche sprechen", sagen die beiden Psychologen.
Lästern hat meiner Meinung nach zu Recht ein schlechtes Image, eine negative Konnotation, denn gemäss Duden bedeutet Lästern nach wie vor «sich über jemanden [der abwesend ist] oder über etwas abfällig, mit kritischen oder gar ein wenig boshaften Kommentaren äussern». Das Verb "lästern" ist sprachgeschichtlich zum Zeitpunkt des Substantivs "Laster" entstanden. Ersteres hatte früher eine deutlich schärfere Bedeutung als heute. So wurde es nicht nur in den Bedeutungen "tadeln, einen Fehler angeben" sondern auch "schänden", ja sogar "tätlich angreifen, vergewaltigen" verwendet. Insbesondere wurde es jedoch im Sinne von "beschimpfen, schmähen, übel nachreden" - oft auch auf die Religion bezogen - verwendet. Wenn wir von Lästern hören, denken wir an etwas biestige Zeitgenossen, die mit gespaltener Zunge leicht verwerflich über andere wettern, rachsüchtig Unwahrheiten in die Welt setzen, sich aufwerten, indem sie andere hinter deren Rücken abwerten.
Nach dem Lästern fühlen sich gewisse Menschen jedoch gut respektive besser, denn lästern hat etwas Befreiendes, Entlastendes oder Erlösendes. Vielleicht redet man sich so auch nur einen Frust aus der Seele. Indem wir über die Fehler, Unzulänglichkeiten oder vermeintlichen Charakterschwächen anderer lästern, stärken wir unser eigenes Ego und unser Selbstwertgefühl. Wir tun es jedoch auf Kosten der Person, die wir abwerten. (Im Berufsleben kann das sogenannte strategische Lästern darauf abzielen, Konkurrenten zu schwächen oder zu verunsichern und im schlimmsten Fall endet das Ganze in einem Mobbing.) Wer lästert, sucht Bestätigung und Zuspruch. Wenn wir das Verhalten einer Person kritisieren und andere uns dabei zustimmen, sehen wir uns in unseren Wert- und Normvorstellungen bestätigt.
Seien Sie mal ganz ehrlich: Sie mögen es doch auch ab und an zu lästern. Sie hecheln auch nach Zustimmung, Aufmerksamkeit und Bestätigung und es tut halt gut, zu versuchen sich in ein besseres Licht zu rücken, das Ego aufzupolieren. Lästern ist im Gegensatz zu Klatsch und Tratsch zielgerichtet, auf eine Person, eine Verhalten, eine Besonderheit, Merkmal oder Charaktereigenschaft gerichtet.
In vielen Artikeln über das Lästern wird dies mit Klatsch gleichgesetzt. Aber Klatsch bedeutet gemäss Duden: «[übles, gehässiges] Gerede [hinter jemandes Rücken]; der Neugier entgegenkommende Neuigkeiten aus dem Bereich anderer». Bei Klatsch handelt sich um einen Informationsaustausch vorwiegend über Uninteressantes, Belangloses, Unerhebliches, Bedeutungsloses, Irrelevantes.
Das Phänomen Lästern jedoch muss ja aufgrund seiner Omnipräsenz eine sinnvolle Funktion haben. Es fängt damit an, dass die meisten Menschen sich liebend gerne mit anderen unterhalten. Übertriebenermassen pointiert meint der britische Anthropologe und Evolutionspsychologe Robin Dunbar die Sprache sei erfunden worden, damit Menschen lästern können. In seinem Buch «Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand» hat Dunbar festgehalten, dass zwei Drittel all unserer Unterhaltungen Gerede über zwischenmenschliche Belange beinhalten. In seiner grossangelegten, wissenschaftlichen Analyse von Hunderten von Gesprächen fand Dunbar, dass der Kern der Gespräche sich stets um private Beziehungen, persönliche Vorlieben und Abneigungen, persönliche Erlebnisse, das Verhalten anderer und Ähnliches drehte. Etwa 14 Prozent der Gesprächszeit wurde über nicht anwesende Personen geredet.
Machen wir uns doch nichts vor: Wir alle unterhalten uns wahnsinnig gern über andere, aber gleichzeitig wollen wir nicht das Image einer Klatschbase haben.
Zum Schluss nochmals Dunbar: «Klatsch und Tratsch ist wie das Lausen der Affen. Während bei den Primaten die körperliche Nähe und gegenseitige Reinigung Bindung und Zusammenhalt schafft, ist es bei Menschen der alltägliche Austausch über andere.»
Zum Glück gibt es den Lästerstein nicht mehr, sonst könnten sich wohl die meisten Zeitgenossen nicht mehr richtig bewegen.
Lästern hat meiner Meinung nach zu Recht ein schlechtes Image, eine negative Konnotation, denn gemäss Duden bedeutet Lästern nach wie vor «sich über jemanden [der abwesend ist] oder über etwas abfällig, mit kritischen oder gar ein wenig boshaften Kommentaren äussern». Das Verb "lästern" ist sprachgeschichtlich zum Zeitpunkt des Substantivs "Laster" entstanden. Ersteres hatte früher eine deutlich schärfere Bedeutung als heute. So wurde es nicht nur in den Bedeutungen "tadeln, einen Fehler angeben" sondern auch "schänden", ja sogar "tätlich angreifen, vergewaltigen" verwendet. Insbesondere wurde es jedoch im Sinne von "beschimpfen, schmähen, übel nachreden" - oft auch auf die Religion bezogen - verwendet. Wenn wir von Lästern hören, denken wir an etwas biestige Zeitgenossen, die mit gespaltener Zunge leicht verwerflich über andere wettern, rachsüchtig Unwahrheiten in die Welt setzen, sich aufwerten, indem sie andere hinter deren Rücken abwerten.
Nach dem Lästern fühlen sich gewisse Menschen jedoch gut respektive besser, denn lästern hat etwas Befreiendes, Entlastendes oder Erlösendes. Vielleicht redet man sich so auch nur einen Frust aus der Seele. Indem wir über die Fehler, Unzulänglichkeiten oder vermeintlichen Charakterschwächen anderer lästern, stärken wir unser eigenes Ego und unser Selbstwertgefühl. Wir tun es jedoch auf Kosten der Person, die wir abwerten. (Im Berufsleben kann das sogenannte strategische Lästern darauf abzielen, Konkurrenten zu schwächen oder zu verunsichern und im schlimmsten Fall endet das Ganze in einem Mobbing.) Wer lästert, sucht Bestätigung und Zuspruch. Wenn wir das Verhalten einer Person kritisieren und andere uns dabei zustimmen, sehen wir uns in unseren Wert- und Normvorstellungen bestätigt.
Seien Sie mal ganz ehrlich: Sie mögen es doch auch ab und an zu lästern. Sie hecheln auch nach Zustimmung, Aufmerksamkeit und Bestätigung und es tut halt gut, zu versuchen sich in ein besseres Licht zu rücken, das Ego aufzupolieren. Lästern ist im Gegensatz zu Klatsch und Tratsch zielgerichtet, auf eine Person, eine Verhalten, eine Besonderheit, Merkmal oder Charaktereigenschaft gerichtet.
In vielen Artikeln über das Lästern wird dies mit Klatsch gleichgesetzt. Aber Klatsch bedeutet gemäss Duden: «[übles, gehässiges] Gerede [hinter jemandes Rücken]; der Neugier entgegenkommende Neuigkeiten aus dem Bereich anderer». Bei Klatsch handelt sich um einen Informationsaustausch vorwiegend über Uninteressantes, Belangloses, Unerhebliches, Bedeutungsloses, Irrelevantes.
Das Phänomen Lästern jedoch muss ja aufgrund seiner Omnipräsenz eine sinnvolle Funktion haben. Es fängt damit an, dass die meisten Menschen sich liebend gerne mit anderen unterhalten. Übertriebenermassen pointiert meint der britische Anthropologe und Evolutionspsychologe Robin Dunbar die Sprache sei erfunden worden, damit Menschen lästern können. In seinem Buch «Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand» hat Dunbar festgehalten, dass zwei Drittel all unserer Unterhaltungen Gerede über zwischenmenschliche Belange beinhalten. In seiner grossangelegten, wissenschaftlichen Analyse von Hunderten von Gesprächen fand Dunbar, dass der Kern der Gespräche sich stets um private Beziehungen, persönliche Vorlieben und Abneigungen, persönliche Erlebnisse, das Verhalten anderer und Ähnliches drehte. Etwa 14 Prozent der Gesprächszeit wurde über nicht anwesende Personen geredet.
Machen wir uns doch nichts vor: Wir alle unterhalten uns wahnsinnig gern über andere, aber gleichzeitig wollen wir nicht das Image einer Klatschbase haben.
Zum Schluss nochmals Dunbar: «Klatsch und Tratsch ist wie das Lausen der Affen. Während bei den Primaten die körperliche Nähe und gegenseitige Reinigung Bindung und Zusammenhalt schafft, ist es bei Menschen der alltägliche Austausch über andere.»
Zum Glück gibt es den Lästerstein nicht mehr, sonst könnten sich wohl die meisten Zeitgenossen nicht mehr richtig bewegen.