Nasenstüber

Kolumnen

Über Bücher II oder Wer hat den schönsten ersten Satz geschrieben

«Unter den verschiedenen Werkzeugen des Menschen ist das erstaunlichste zweifellos das Buch. Die anderen sind Erweiterungen seines Körpers. Mikroskop und Teleskop sind Erweiterungen des Sehens, das Telefon ist eine Erweiterung der Stimme; dann haben wir Pflug und Schwert, Erweiterungen des menschlichen Arms. Aber das Buch ist etwas anderes: Es ist die Erweiterung des Gedächtnisses und der Fantasie.» Dieses Zitat stammt von niemand geringerem als dem argentinischen Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges, Verfasser einer Vielzahl phantastischer Erzählungen und Gedichte und gilt als Mitbegründer des Magischen Realismus. Heinrich Heine seinerseits behauptete: «Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste» und Franz Kafka hatte einst gefordert, ein Buch müsse «die Axt sein für das gefrorene Meer in uns».
Es gibt also mehrere und gute, ja geradezu zwingende Gründe, sich über Bücher zu unterhalten.
Wie in der Kolumne «Über Bücher I» etwas langfädig dargelegt, entsteht ein Buch erst nach einem komplexen, langwierigem Prozess. Schliesslich liegt dann diese Art von Druckerzeugnis entweder als Broschur (Softcover) oder eben als gebundenes Buch (Harcover) vor. Bei einer Broschur wird ein meist flexibler Umschlag aus Karton an einen gehefteten oder eben heutzutage vermehrt geklebten Buchblock geheftet oder auch direkt angeklebt. Ein Taschenbuch (englisch sowohl paperback als auch softcover oder pocketbook) hat wie ein broschiertes Buch einen kartonierten Umschlag, ist aber im Gegensatz dazu leichter, kleinformatiger, in der Regel klebegebunden und generell schlechter verarbeitet. Bei einem gebundenen Buch - auch Hardcover, Festeinband, oder Deckenband genannt - wird der Buchblock mit einer Buchdecke zusammengefügt.
Nachdem ich zugegebenermassen etwas ausufernd über die Herstellung von Büchern berichtet habe, so geht es im Folgenden nun um die Bücherkonsumenten.
Das Buch – Soft- oder Hardcover - sucht sich nach seiner Fertigstellung einen Käufer, einen Konsumenten. Aber die Konkurrenz ist riesig! Allein in Deutschland werden jedes Jahr rund 75'000 neue Bücher veröffentlicht. Auch heute noch gelten epische, lyrische und dramatische Texte als die drei Grundformen der Literatur, d. h. als die drei literarischen Grossgattungen. Die vielfältigen Unterformen der klassischen Gattungen der Literatur sind innerhalb des Dramas die Genres Tragödie und Komödie, der Epik (erzählende Texte) die Genres Roman, Novelle, Kurzgeschichte, Märchen, Fabel, Parabel usw. und der Lyrik die Arten Gedicht, Ballade, Lied, Elegie, Hymne, Ode und andere mehr. In den Buchhandlungen jedoch findet man die Bücher in den meisten Fällen geordnet nach folgenden Rubriken: Romanen, Krimi, Kinderbücher, Belletristik, Kochbücher, Ratgeber, Reiseführer, Lyrik und ganz wichtig Psychologie!
Aber grundsätzlich ist es doch so, dass sich die Literatur für die meisten Menschen in zwei Gruppen teilt: Bücher, die sie nicht geschafft haben zu lesen und Bücher, die sie nicht vor haben zu lesen. Viele sind der Meinung, man suche selber ein Buch aus. Weit gefehlt! Das Buch sucht sich seine Leser selber aus. Ein attraktiver, inspirierter Titel springt Ihnen ins Auge und das Buch fordert Sie geradezu auf: «Lies mich!»
Der Titel ist nicht nur ein wichtiges Element des Buchs allgemein, sondern auch das absolute Herzstück eines jeden Buchcovers. Aus diesem Grund ist ein verführerischer, gut lesbarer Titel kruzial, um die Aufmerksamkeit von potenziellen Lesern auf sich zu ziehen. Vor ein paar Jahren wurde in den USA eine Buchserie mit dem Titel „Compact Classics“ herausgegeben, welche Zusammenfassungen bekannter Bücher unterschiedlichster Art und Gattung enthielten, aber auch Quizfragen, Zitate und Anekdoten. Offenbar wurden davon nur ganz wenige Exemplare verkauft. Um diesem Missstand entgegenzutreten, entschied sich der Herausgeber den Titel in „The Great American Bathroom Book“ abzuändern, mit dem Untertitel „More Single-Sitting Summaries of All-Time Great Books“, worauf die Bücher weggingen wie warme Semmeln. Das lässt doch ganz schön tief blicken.
In diesem Zusammenhang muss ich leider zugeben, dass ich eine stattliche Anzahl Bücher erworben habe, nur weil ich deren Titel äusserst phantastisch, inspiriert oder witzig fand, nur um dann bei Lektüre festzustellen dass es sich um literarischen Schrott handelte. Nachstehend ein paar Beispiele: «Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüsste» - «Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens» - «Der Club der Buchstabenmörder» - «Wer bin ich und wenn ja, wie viele?» - «Es fängt damit an, dass am Ende der Punkt fehlt» - «Mit leerer Bluse spricht man nicht» -
«Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen» -
"Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" – «Nicht jeder Vergleich ist verpflichtet zu hinken» - «Am Arsch vorbei führt auch ein Weg». Ausgerechnet auf der Frankfurter Buchmesse kam Bruce Robertson - ein Buchhändler der Diagram Group - die Idee zur Wahl des «Kuriosesten Buchtitel des Jahres». Der „Diagram prize for oddest book title of the year" wurde 1978 erstmals verliehen. Mit «Begegnung mit dem Serienmörder: Jetzt sprechen die Opfer» ist dann aber tatsächlich doch auch ein Krimi darunter, denn bei den Krimi sind die Titel in der Mehrzahl der Fälle leider eintönig, öd und uninspiriert, wie etwa: «Die Tote am Strand» - «Eine Leiche zu viel» - «Tödliche Algarve» - «Tod in den Bergen» usw. aber wenigstens weiss man auf Anhieb um welchen Genre Buch es sich handelt.
Wenn jedoch von «mörderischer Hitze» die Rede ist, so handelt es sich wohl nicht um den Titel eines Krimis und wenn Sie von jemandem einen «todsicheren Tipp» erhalten, so kriegen Sie mit aller Wahrscheinlichkeit keinen Krimi geschenkt.
Das Buchcover ist neben dem Inhalt eines Buches eines der wichtigsten Verkaufsargumente eines Buches. Entscheidend ist also ein ansprechendes Buchcover. Die Buchcover-Gestaltung stellt einen essenziellen Part der Vermarktungsstrategie eines jeden Buchs dar. Nur wenn das Design sowohl optisch als auch haptisch ansprechend gestaltet ist, wird die Neugier der Leser geweckt, sich tiefer mit dem Buch und seinem Inhalt zu beschäftigen. Bestechende Buchcover zeichnen sich vor allem durch Einfachheit und Symbolik aus. Grelle Farben und eine grosse Schrift sind offenbar keine Garanten für hohe Verkaufszahlen. Die Angelsachsen wiederum sagen: «Don’t judge a book by ist cover.» Ein Diktum, welches aber meist in übertragenem Sinne angewandt wird.
Generell ist man sich einig, dass der Klappentext - nach dem Titel, respektive dem Cover - der zweite entscheidende Faktor ist, um ein Buch zu kaufen. Er gehört deshalb zu den wichtigsten Marketinginstrumenten eines Autors. Bereits im ersten Satz sollte daher das Wesentliche auf den Punkt gebracht und das Interesse des Lesers geweckt werden. Wenn ein Klappentext nicht überzeugt, ist es tatsächlich so, dass potentielle Leser beim Stöbern in der Buchhandlung schnell das Interesse verlieren und sich dem nächsten Buch zuwenden. Knackig, emotional und Neugier weckend soll ein Klappentext sein, meinen die Ratgeber verschiedenster Verlage und er solle mit einem «Cliffhanger» enden. Der Text solle etwa 400 – 750 Zeichen umfassen, was zirka 150 Wörtern entspricht. Innerhalb dieses Rahmens muss die Ware an den Mann oder an die Frau gebracht werden, sonst wird das nix.
Wie kommt nun also unser Buch an die Konsumenten?
Zum einen ist da der Kauf oder die Ausleihe. Während Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten war der Kauf eines Buches eng an eine Buchhandlung gebunden, bis Jeff Bezos mit seiner revolutionären Idee einer Online-Buchhandlung diesen Markt aufmischte. Der Gerechtigkeit halber muss man festhalten, dass der Pionier des Internetbuchhandels Charles M. Stack ist, der mit Book Stacks Unlimited 1992 online ging. Jeff Bezos folgte mit seinem Shop Amazon erst 1995. Auf Amazon folgten dann schon früh Online-Rezensionen der Bücher gefolgt von eigenen Bestenliste. Aber nicht nur dies. Unter der Rubrik «Könnte Sie auch interessieren:» erhält der Käufer eines Buches sogleich eine solch geballte Ladung an Empfehlungen, dass er sich vor lauter Vorschlägen und Anregungen nicht mehr wehren kann. Glücklicherweise gibt es aber nach wie vor physische Buchhandlungen, denn gerade die älteren Semester unter uns, die noch gerne ein gedrucktes Buch in den Händen halten, lieben es in Ruhe einige Bücher zu sichten und die Klappentexte zu lesen, um sich für einen Kauf zu entscheiden. Aber auch in einer Buchhandlung werde ich heutzutage manipuliert, denn die riesigen Berge von ein und demselben Buch auf den Auslagen sollen uns nur ködern und glauben machen, dass diese Bücher weggehen wie warme Semmeln, was einer klaren Kaufempfehlung gleichkommt.
Der Protagonist Leo Gazzarra in der Erzählung «Der letzte Sommer in der Stadt» von Gianfranco Calligarich sagt, dass er in den antiquarischen Büchern nach Brosamen und Fettflecken sucht, weil diese Dinge daraufhin deuten, dass das Buch beim Essen gelesen wurde und nur gute Bücher würden beim Essen gelesen. Und auch nach Falten sucht Leo: «Die Falten muss man auf dem Buchrücken suchen, auch ein Buch, das beim Lesen geknickt wird, ist gut.»
Gewisse Verlage wissen ja schon im voraus welche Bücher Bestseller sein werden, denn sie annoncieren Neuerscheinungen bereits als solche.
Ich meinerseits gehe, wie gesagt, in einen normalen Bücherladen um Novitäten zu erstehen, von denen ich gelesen oder gehört habe, aber oft und gerne mal auch nur einfach zum Stöbern. Das Bücherbrockenhaus oder ein Antiquariat wiederum ist ein Ort der Absichtslosigkeit, wo man unverhoffte Ideen schürfen und Trouvaillen - also wertvolle Entdeckungen - machen kann. Sowohl in einer Buchhandlung, wie auch in einem Antiquariat, umgibt einen die Aura des Schöngeistes, der Entspannung und Harmonie, sowie der Besonnenheit.
Für die Ausleihe sind seit Jahrhunderten primär die Bibliotheken zuständig. Der Besucher einer Bibliothek wird zunächst von einer streng dreinblickenden Bibliothekarin empfangen, die den Anschein erweckt, als müsse sie den goldenen Sarkophag von Tutenchamun vor irgendwelchen Grabräubern beschützen.
Als Zweites erschlägt einen dann die schiere Fülle an Büchern und schliesslich erschleicht einen ein mulmiges, bedrohliches und unangenehmes Gefühl ob der unheimlichen Stille im Lesesaal. (NB: Chipstüten knistern signifikant lauter, wenn man sie in einer Bibliothek öffnet.) Für mehrere Universitäten sind in den letzten Jahren hochmoderne Bibliotheken gebaut worden, so unter anderem auf dem Campus de l’Esplanade der Universität Strassburg. Das äusserst stark lichtdurchflutete Gebäude imponiert im Inneren insbesondere mit einer skulpturalen Rampe. Eine absolut phantastische Architektur. Aber die Bilder, die ich von dieser neuen Universitäts-Bibliothek gesehen habe, irritieren mich in dreierlei Hinsicht: Erstens sieht man fast keine Bücher, zweitens scheint es bei diesen Bibliotheken die Architektur von grösserer Bedeutung zu sein als der Inhalt (wie bei so vielen prestigeträchtigen neuen Museen) und drittens kann man kaum glauben, dass Bibliotheken im Zeitalter der Digitalisierung – wo man doch so bequem vom Sofa aus praktisch alle Bücher der Welt konsultieren kann - noch weiterhin eine solch grosse Bedeutung haben wie früher.
Eine beneidenswerte, legendäre Bibliothek trug Petrarch im Laufe seines Gelehrtenlebens zusammen. Sie umfasste sowohl seine geliebten klassischen Autoren als auch die Kirchenväter. Petrarch brachte viele Werke wieder in Umlauf, die im Mittelalter nicht oft gelesen wurden: Die Dekaden des Livius sind ein typisches Beispiel dafür, ebenso wie einige andere von Ciceros Reden wie der Pro Archia. Das berühmteste Manuskript in seinem Besitz jedoch war der Ambrosianische Vergil. Das Manuskript enthält Vergils Bukoliken, Georgika und Aeneis, begleitet von Servius‘, vier Oden von Horaz (mit dem Kommentar des Pseudo-Acron und einigen mittelalterlichen Glossen sowie zwei Exegesen des Barbarismus, dem dritten Buch von Aelius Donatus‘ Ars maior.
In diesem Rahmen sind auch die sogenannten «Bücherjäger» zu sehen. Einer der berühmtesten hiess Poggio Bracciolini. Dieser war nach der, anlässlich des Konzils zu Konstanz, erfolgten Absetzung seines Dienstherrn Papst Johannes XXIII. ohne Anstellung. Also nutzte er die Zeit, um Bibliotheken und Klöster Deutschlands und Frankreichs nach antiken Texten zu durchstöbern, deren Existenz den frühen Humanisten zwar bekannt war, die aber in Italien nicht mehr auffindbar waren. So entdeckte er lange verschollene Texte von Cicero, Tacitus, Quintilian, Vegetius, Marcus Manilius, Ammianus Marcellinus, Vitruv, Statius, Lukrez und Petronius. Besonders «De rerum natura» von Lukrez – die bahnbrechende Atomlehre – wirkte damals wie ein Explosivgemisch. Auch Niccolò Niccoli hatte als Bücherjäger der Renaissance Hunderte von Manuskripten gesammelt oder kopiert, sie aber sukzessive verpfänden müssen. Cosimo de Medici, sein Dienstherr, löste nach seinem Tod an die 800 Manuskripte bei seinen Gläubigern aus und brachte diese Werke in das Dominikanerkloster San Marco in Florenz, das so zur ersten öffentlichen Bibliothek wurde.
Einer der berühmtesten Bibliothekare war Zenodot (Zenodotus von Ephesus), der erste Bibliothekar der berühmten, riesigen Bibliothek von Alexandria. Auch die Neuzeit verzeichnet eine ordentliche Liste mit berühmten Bibliothekaren, so zum Beispiel Gotthold Ephraim Lessing, Bibliothekar an der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel, Johann Wolfgang von Goethe, der als Minister verantwortlich für die Bibliotheken in Weimar und Jena war, Friedrich Hölderlin Hofbibliothekar in Homburg oder der Schriftsteller Marcel Valentin Louis Eugène Proust, der als Bibliothekar in der Bibliothèque Mazarine in Paris zeichnete. Und bitte: Was haben Bud Spencer und Casanova gemeinsam? Beide waren Bibliothekare, ehe sie mit ihrer schauspielerischen respektive amourösen Tätigkeit weltberühmt geworden sind.
Wenn man einhelligen Berichten glauben kann, so gibt es für von Freunden, Bekannten oder Verwandten verliehene Bücher keinen Ehrenkodex, will sagen, das Buch bleibt für immer verschollen und kommt nicht mehr zurück. Aber wenn wir ehrlich sind, ist es doch in den meisten Fällen so, dass man das ausgeliehene Buch gar nicht lesen möchte, weil doch zu Hause viele bedeutend spannendere oder interessantere Bücher herumstehen und man möchte dem Verleiher, der Verleiherin gegenüber nicht zugeben, dass man das Buch nicht gelesen hat, nicht lesen wollte. Ergo bleibt es dann halt irgendwo herumliegen und findet seinen Weg zum Verleihenden nie mehr zurück. «Es ist leichter das Buch zu behalten, als das was drinnen steht.» sagte Michel de Montaigne. Eine löbliche Ausnahme sind Lesezirkel, die sogenannten Bücherkränzchen. Dort finden die eingegebenen Bücher - nach dem sie den Zirkel absolviert haben – in der Regel wieder zum Besitzer zurück.
Auch als Geschenk sind Bücher äusserst beliebt, denn ein Buch als Geschenk bescheinigt sowohl dem Schenkenden wie auch dem Beschenkten ein intellektueller Mensch zu sein. Leider sorgte das Weihnachtsgeschäft dieses Jahr für einen besonderen Dämpfer im Buchhandel, denn der Umsatz in den Buchläden der Deutschschweiz wie auch im Onlinehandel ist - sowohl über das ganz Jahr gesehen aber speziell im Dezember - deutlich zurückgegangen. Der Dezember ist ansonsten für den Buchhandel traditionell jener Monat, der die Jahresbilanzen aufhellt, denn der Regel liegen unter den Weihnachtsbäumen viele Bücher.
Rezensionen helfen dem Buch ebenfalls einen Leser zu finden. Rezensionen können jedoch dem potentiellen Leser ein Buch schmackhaft machen, ihn aber auch vor einem Fiasko bewahren. Es geht dabei immer um eine persönliche Stellungnahme. Rezensionen sind ein wesentlicher Bestandteil des Buchmarketings. Waren früher Buchrezensionen vor allem in den Printmedien zu finden, so werden heutzutage Rezensionen zunehmend im Internet publiziert. Buchblogger im Speziellen besprechen auf ihren Kanälen aktuelle Literatur. Sie fungieren als sogenannte Multiplikatoren eines Buches, erreichen damit also viele Menschen, die der Autor selbst niemals erreichen würden.
Auch die sozialen Medien sind mittlerweile Plattformen für Rezensionen. Neuerdings versammeln sich viele Leserinnen und Leser auf Plattformen wie Instagram, Facebook, YouTube oder Twitter unter dem Schlagwort #Bookstagram. Daneben gibt dann die in der früheren Kolumne erwähnten Bookfluencer. Auf Tiktok wiederum gehen zur Zeit Videos unter dem Hashtag #Booktok viral. Die Plattform erweist sich offensichtlich als digitaler Buchclub mit grossem Erfolgspotenzial. Einige Rezensenten respektive Literaturkritiker nehmen sich enorm wichtig. Aber Sie wissen ja: Kritiker sind wie Eunuchen, sie wissen wie es geht, aber sie können es nicht. Trotzdem verlasse ich mich seit geraumer Zeit am liebsten auf Rezensionen und zwar Buchbesprechungen in den feuilletonistischen Beilagen verschiedenster Zeitschriften, denn es ist mir mehr als recht, wenn andere Versuchskaninchen spielen und ich dann anhand vertrauenswürdiger Urteile entscheiden kann, ob die Sache meine Zeit wert ist.
Viele richten sich zum Erwerb eines Buches nach einer wie auch immer erstellten Bestseller-Liste. Doch man liest ja stets wieder mal wie perfide, maliziös oftmals geradezu mafiös diese manipuliert werden.
Zu guter Letzt haben nun auch die grossen Modehäuser, wie Dior und Chanel, das Buch als Status- und Stilsymbol entdeckt. Chanel bittet unter dem Namen „Rendez-vous littéraire“ zu einem hochexklusiven Lesezirkel, während Dior den “Book Tote Club“ ins Leben rief, wo von namhaften Personen mittels Videos Bücher vorgestellt werden, welche jene dann in eine geräumige Tote plumpsen lassen. Das Luxuslabel Saint Laurent wiederum hat im siebten Arrondissement von Paris mit „Babylone“ einen exklusiven Buchladen eröffnet. Die gediegene Inneneinrichtung der Buchboutique hebt Bücher auf das gleiche Niveau wie edle Handtaschen, teure Foulards oder andere Statussymbole. Bin mal gespannt ob und wie andere Gucci, Calvin Klein, Dolce und Gabbana oder Tommy Hilfiger nachziehen werden.
Es gibt übrigens auch kaum mehr einen Laufsteg, bei dem nicht Bücher ausliegen oder sogar Verse vorgelesen werden. Das Buch ist definitiv zu einem Modeaccessoire geworden.
Auch die Bibliothek zu Hause ist wieder en vogue, aber sie kann nicht irgendwelche Bücher enthalten, sondern sie soll reflektieren, wer man sein will. Oft sind dann hier Bücher tolle Ausstellungsobjekte. Es müssen nicht unbedingt ie teuersten oder möglichst viele Bücher in Ihrer Bibliothek stehen, sondern die „richtigen“.In “Architectural Design“ schreibt ein Journalist, es sollte gute Literatur im Mix mit coolen Design-. Architektur, Foto- und Modelbildbänden sein, welche einen total „authentischen Look“ abgeben würden. Falls Sie interessiert sind, so verrate ich Ihnen gerne noch ein Geheimnis: Ob Sie es glauben oder nicht, es gibt mittlerweile sogar Kuratoren für Privatbibliotheken, welche für Sie eine abgestimmte, repräsentable Büchersammlung zusammenstellen. Ein grosses Renommee ist Ihnen gewiss. Eine gepflegte, noble und stilvolle Hausbibliothek bietet den perfekten Rahmen, sich einen intellektuellen Anstrich zu geben.
Bücher haben im Gegensatz zu den meisten Texten im Internet den grossen Vorteil, dass sie redaktionell überarbeitet sind - kuratiert würde man heute sagen - und es gibt offenbar tatsächlich so etwas wie eine emotionale Beziehung zu einem Buch.
Die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke schrieb einmal, dass Bücher voller Erinnerungen stecken. Bücher speichern Gefühle und Gedanken und irgendetwas lässt jeder Leser darin zurück. Im Gegenzug dazu, behält das Buch den Ort, an dem man es las, in Erinnerung und jedes Mal, wenn man es aufschlägt, kehrt man dorthin zurück.
Wie wichtig sind denn Bücher? Sie sind unter anderem ein gutes Training, um lesen und schreiben zu verbessern. «Bücher kommen uns sehr nahe, viel näher als Bilder oder Filme. Sie kriechen in unsere Köpfe, verändern unsere Gedanken, wecken Bilder, erzeugen Phantasien. Das ist das Schöne an ihnen, aber eigentlich ist es eine Zumutung. Und wenn dann ein Autor nicht ehrlich ist, mit Tricks arbeitet oder uns Bilder aufzwingt, die wir nicht in unserem Gehirn haben wollen, dann ist es, als würde er uns gegen unseren Willen am Gehirn operieren. Ein Kunstwerk, das Ihnen nicht passt, ignorieren Sie einfach, aber ein Buch, das Sie einmal gelesen haben, werden Sie nicht mehr los,» lässt sich Richard Wechsler, der Protagonist in Peter Stamms Roman „In einer dunkelblauen Stunde“ vernehmen. Franz Kafka wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Ein Buch muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“
Heute, wo wir im Jahrzehnt der Sprache leben, sind uns Cover und Klappentext jedoch total Wurst. Wir bestellen nur noch diejenigen Hörbücher, die uns in einem Podcast empfohlen werden.
Egal, alle Bücher sind letztlich Symphonien mit Wörtern.